»Universalbewerbung für alles auch nackt und ohne Geld«
2016

scheinwerfer

Mann aus Obst 2016

Bettina Gfeller – London, Paris, Sopran
Nicolas Pannetier – Sopran, Blues, Nagellackentferner
Nina de Ludemann – Stimme, Schrank, Violine
Wieland Möller – Schlagzeug, Stimme, Nichts
Maja von Kriegstein – Mobiltelefon, Klavier, öffentlicher Nahverkehr

Hören –

Das Stück

Fünf Spieler_innen mit einladend kurvigen Lebenswegen auf der Suche nach Orientierung, Liebe und Erfolg. Als einzelne Frauen und Männer und als ganzes musikalisches Ensemble versuchen sie, sich an den Mann, an die Frau und vor allem natürlich voll karacho auf den Markt zu werfen. Alles wird ausprobiert: Volkshochschulkurse zum Thema Facebookmarketing, die Lektüre von Eva Illouz Soziologie-Klassiker »Warum Liebe weh tut«, Selbstversuche bei Tinder, eine Menge einsamer und gemeinsamer schwarzer Tees, morgendlicher Freejazz und nostalgische Chorproben. Mit und ohne Hilfe von Coaching, Therapie und Beratung wird versucht, die eigene Marke perfekt zu ermitteln, das Profil zu schärfen, den Lebenslauf zu professionalisieren – alles zeitgemäß multimedial darzustellen und dabei irgendwie heile zu bleiben – oder zu werden –

Und irgendwo zwischen den aussortierten Schnipseln entsteht eine nachdenkliche, zarte, liebevolle und rotzfreche kleine Oper.

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Das Radio 1 – Interview 23.03.2016

Wieso Universalbewerbung? Wir haben festgestellt, dass egal welches Anliegen man hat, egal ob man sich um Jobs, um Liebe oder wie wir jetzt gerade um Publikum bewirbt – dass sich in Varianten immer wieder die gleiche Fragen stellen:

Wie kann ich selbst und wie können wir als Ensemble heile bleiben zwischen einerseits

  • eigenen inneren unabhängigen Klärungsprozessen
  • und der Notwendigkeit, nach außen darstellbar und vermarktbar zu machen, wer wir sind und was wir tun?

Was sind wir bereit, zu opfern, um unser Ziel zu erreichen?

Zum Beispiel gerade jetzt in diesem Moment und heute! Nackt und ohne Geld haben wir genau zwei!! Probentage zusammengekriegt, an dem das ganze Ensemble gleichzeitig da sein kann. Einer davon ist heute, und morgen ist Premiere. Soll man unter diesem Umständen allen Ernstes einen halben Tag zum Radio fahren statt zu proben??!

Wir mussten ziemlich lachen, als Euer Anruf für dieses Interview kam und wir uns genau das gefragt haben. Und dann haben wir gesagt: Was solls – wir haben ja gerade bei der Recherche für unser Stück im Volkshochschulkurs gelernt 7% Inhalt – der Rest ist Marketing.

Deswegen sind wir jetzt alle hier, so konnten wir wenigsten in der S-Bahn singen üben…

Feldforschung

»Lernen Sie, Ihre Stärken, Talente und Kompetenzen ins richtige Licht setzen und Ihre Leistungen wirkungsvoll zu präsentieren, indem Sie sich als »Marke Ich« entwerfen.« (VHS Berlin)

»Fügen sie eine Beziehung hinzu« (Facebook)

»Das besondere an mir ist …« (Elitepartner)

»Wo sehen sie sich in fünf Jahren?« (Bandcoach)
»In einem Stuhl» (Mann aus Obst)

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Insbesondere mit Nicolas haben wir in den letzten Jahren oft über das Moment der sogenannten »Professionalisierung« von Bands gelacht und geweint. Wir haben in unseren jeweiligen Projekten mit Schrecken bemerkt, wie die Maschinerie Foto/Presskit/Kostüm/Slogan etc. die innere Dynamik eines Ensembles und seine Inhalte schwer gefährden und wenn man Pech hat zum Schlechten verändern kann. Und dass das Gelingen der Professionalisierung manchmal zu einem Ersterben der Seele einer Sache führt – nicht notwendig, manchmal hilft sie natürlich auch extrem. Aber es bleibt eine gefährlicher Moment. Gelingt es, diesen Moment zur Schärfung der eigenen Anliegen, Klärung der Identität zu nutzen oder führt er dazu, dass wir uns  verstellen um irgendeines Erfolges willen – und dann als etwas geliebt werden, das mit uns selbst nicht mehr viel zu tun hat?

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Mich (Maja) hat das Buch »Warum Liebe weh tut« von Eva Illouz sehr inspiriert. Weil hier ein Gegengewicht ( / Ergänzung) zur Kultur des Ansichselbstarbeitens versucht wird. Illouz beschreibt aus soziologischer Perspektive, wie sich das Lieben und Verlieben unter den Bedingungen der sexuellen Befreiung, des Kapitalismus (Primat des Wettbewerbs und der permanenten Wahlmöglichkeit) und der Digitalisierung unumkehrbar verändert haben. Und beschreibt das Leiden daran als gesellschaftliches Problem, nicht primär als individuelles – als dass es in Therapien und Coachings aber behandelt wird.
Sich selbst zerfleischen, weil man nicht gewählt wird oder nicht die perfekte Leistung bringt. Allein an sich und seinem Lebenslauf arbeiten anstatt zusammen an der Gesellschaft (und damit natürlich auch an sich).

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Eine meiner Lieblingsstellen betrifft das Flirten. Illouz beschreibt Flirten als eine minimale spielerische Abweichung vom Gewohnten. Um diese Abweichung aber zu bemerken, müsste es ja eine Konvention geben, vor deren Hintergrund die Abweichung überhaupt bemerkt wird. Auch wenn sich Illouz als überzeugte Feministin niemals in die Zeit moralischer und tatsächlicher Korsagen, klarer Religionszugehörigkeiten, gesellschaftlicher Klassen und arrangierter Hochzeiten zurücksehnt analysiert sich zurecht: Ohne semantische Sicherheit können wir gar so leicht in einen verspielten, sexy Modus wechseln – er wird schlicht nicht bemerkt. Stattdessen müssen wir irgendwelche komischen messbaren Leistungen, Features erbringen (Topmodel & co Geld, Likes…).

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An dieser Stelle geht es zum Beispiel nicht darum, einzelnen Menschen Probleme anzudichten, sondern gemeinsam nach neuen Formen/Ritualen/Spielen angesichts der großen Freiheit und Vielfalt zu suchen.

Übrigens: Leidenschaft ist cool. Für das Lieben, Musizieren, Leben überhaupt mit Abhängigkeit , Verletzbarkeit und Hingabe!

Mit freundlichen Grüßen,

Mann aus Obst